von Norman
An dieser Stelle geht es darum, in einer aktuellen Schachpartie (meist aus der Vorwoche) besser zu spielen als der Meisterspieler. Ganz nebenbei bleibt man dabei in der großen Schachwelt etwas auf dem Laufenden. Und vielleicht gibt es ja sogar einen kleinen Trainingseffekt.
Wesley So ist seit über 12 Jahren beständig in den Top 15 der Welt (https://www.2700chess.com/players/5202213-wesley-so). Seine Bestmarke: Elo 2822 und Weltranglistenzweiter im März 2017. Er gilt als extrem schwer zu besiegen (vgl. Aufgaben der Woche 2 und 3).
Doch ausgerechnet beim Gewinn der US-Meisterschaft das: Ganzer Punkt Vorsprung, gegen den Tabellenletzten und… Er musste doch noch in den Stichkampf (den er gegen Fabiano Caruana aber recht überzeugend gewann).
Wie sollte Schwarz sich verteidigen und damit einen Arbeitstag einsparen?
Lösung Teil 1:
Es gibt nur zwei sinnvolle Möglichkeiten: mit dem Turm auf g3 schlagen oder mit dem Turm den Bauern e2 decken. Der Top-GM wählte (viel zu schnell) die falsche, nämlich 48…Txg3? Nach 49.Txe2 Tg4 50.Tf2 Txh4 51.Kb6 hatte Schwarz zwar einen Bauern zurückgewonnen. Nur war das Endspiel chancenlos verloren.
Fazit: Im Turmendspiel gibt es wichtigere Faktoren als die – zugegebener Maßen auch nicht irrelevante – Verteilung der Bauernmasse. Insbesondere die Aktivität. Schwarz hat in nur drei Zügen seinen Turm ungünstig platziert, den weißen König aktiv werden lassen und seinen (die weiße Aktivität einschränkenden) starken Freibauern abgetauscht. Zu viel für einen Punkt. Es sei denn, es wäre doch remis gewesen… Schach ist eben konkret.
Lösung Teil 2:
Richtig ist 48…Tb2! Und ja, diese Stellung ist bei präzisem Spiel remis. Obwohl Weiß hier sogar zwei Mehrbauern besitzt.
Nach 49.Ka7 könnte es sich Schwarz leisten abzuwarten. Direkter ist aber 49…Tb5!? 50.Txe2 Txa5+ 51.Kb6 Ta3! Der weiße Turm schafft es nicht nach g5 und der weiße König steht total falsch. Man braucht nicht GM-Stärke um das mit Schwarz zu halten.
Knifflig wird es nach 49.g4 (oder 49.h4). Hier galt es die Idee 49…Tc2!! zu finden. Plötzlich droht Schwarz mit zwei Turmschachs (nebst Ablenkung des Te5 oder Tc7-e7) sogar zu gewinnen. Und nach 50.Te3! Kd5 nebst Kd5-d4-d3 reicht die schwarze Aktivität zum Remis.
50.Te8? hingegen hätte nach 50…Kd7! nebst Tc2-c6+ und Tc6-e6 die Partie auf den Kopf gestellt.
Die Partie zum Nachspielen und Analysieren:
https://lichess.org/broadcast/us-chess-championships-2026-open/round-11/5bJzFHAm/oxtOqJw6
PS:
Anekdote
Als Betreuer einer ganz jungen DSJ-Nachwuchsmannschaft durfte ich bei der ersten Team-Schnellschach-WM dabei sein (Düsseldorf, 26.-28.08.2023).
Wenige Minuten vor Beginn einer der Runden sagte mir eine junge Spielerin (nicht Paula), dass sie nochmal auf Toilette müsse. Hmm… Das wird knapp.
Wir gingen zu den zwei Gemeinschafts-WC im Spielareal (welches flughafenähnlich abgeriegelt war – Stichwort Cheatingkontrollen) und stellten uns an. Noch 5 Minuten bis Partiebeginn.
Plötzlich tauchte Wesley So auf. Und reihte sich direkt hinter uns ein. Und wartete. Meine Spielerin war dran und ging aufs WC. Ich nahm die Chance wahr und sagte etwas auf Englisch zum Superstar. Er lächelte und antwortete freundlich. Dann wurde das andere WC frei. Aber Wesley So blieb stehen. Sagte nichts. Zur Erinnerung: Es wurde Schnellschach gespielt, 15 min + 10 s. Noch 2 Minuten bis Rundenbeginn.
Ich wunderte mich. Dann zügig der Aha-Effekt. Er dachte, ich würde auch anstehen. Und hielt es anscheinend nicht für angemessen, mich auf die frei gewordene Kabine hinzuweisen, geschweige denn zu drängeln. Ich bedeutete Wesley So, dass er gehen könne. Er wirkte fast ein wenig überrascht. Bedankte sich sehr höflich. Kurz darauf waren meine Spielerin und ich wieder beim Team. Pünktlich zum Start der Runde.
