Paula Czäczine ist Deutsche Meisterin 2021 in der u10w !!!

von Norman
 
Das Paula hat die diesjährige Deutsche Einzelmeisterschaft u10 w mit überzeugenden 9½ Punkten aus 11 Partien vor Cosima Wagner (8½ Punkte, Bayern) und Yiyi Xiao (8 Punkte, Berlin) gewonnen. Eine Abschlusstabelle gibt’s unter https://www.deutsche-schachjugend.de/2021/dem-u10w/tabelle/11/ – wenn ihr dort auf Paula klickt und dann auf das jeweilige Ergebnis, könnt ihr auch all ihre Partien nachspielen. Oder ihr nutzt die einschlägigen Schachwebsites mit den aufschlussreichen (und teilweise aprilwetterhaften) Computerbewertungen, z.B. https://chess24.com/de/watch/live-tournaments/2021-dem-u10w/1/1/1. Paula war zwar als deutliche DWZ-Favoritin in das Turnier vom 22.-30.08. in Willingen (Sauerland) gestartet, aber was das genau heißen sollte war ungewiss.

Denn die Aussagekraft der Wertzahlen, die bei Kindern ohnehin schon bescheiden ist, war durch die Turnierabstinenz in der Corona-Pandemie kaum noch gegeben. Für Paula sprachen aber ihre Erfahrung von zwei vorangegangenen DEM und einer EM u8 w sowie zwei gute Vorbereitungsturniere unter „alten Männern“ (Georg-Schönfelder-Landopen und Mansfelder Schachsommer). Auch hatte sie regelmäßig trainiert, zuletzt beim sächsischen Kaderlehrgang und einmal wöchentlich online mit A-Trainer Tom George aus Berlin. Letzterer unterstützte Paula auch vor Ort in der Eröffnungsvorbereitung, bei der Partieanalyse und mit viel Lob und guter Laune. Es ist schon ganz gut, wenn das Training nicht zu familienlastig ist. Gespielt wurde in der u10 mit 75 min für 40 Züge + 15 min für den Rest und 30 s Inkrement ab Zug eins. Mit Zug 61 konnte man also die 4-Stundenmarke knacken. Das geschieht zwar bei den jungen Mädchen praktisch nie, aber Paula schaffte es in Runde 10 über 2 Stunden Bedenkzeit zu verbrauchen. In diesem Lichte erscheinen vier Doppelrunden mit jeweils noch ausführlicher Vorbereitung und auch zumindest rudimentärer anschließender Partieanalyse –die Kinder sollen ja auch was mitnehmen, Aha-Effekte haben usw. – außerordentlich anspruchsvoll. Aber Paula hatte das ganze Turnier keine Energieprobleme und war immer sehr fit und motiviert.Zu Paulas Turnierverlauf:
In Runde 1 gab es ein sächsisches Duell gegen Helena Rößler. Dass Paula an Brett 1 als Blickfang ran musste, bereitete ihr entgegen vorausgehender Bedenken keinerlei Probleme. Sie war gleich voll konzentriert bei der Sache und gewann mit Weiß ziemlich geradlinig eine schottische Partie. Schönes initiatives Spiel, Zentrumshoheit, nur zwei/drei Ungenauigkeiten – so wünscht man sich das als Trainer und mitfiebernde Eltern.

Runde 2 mit Schwarz gegen Leyi Charlotte Zhou aus Berlin verlief noch besser. In einem ruhigen Italiener konnte Paula die Fesselung des Sf3 zur Doppelbauernbildung ausnutzen und dann auch noch mit c7-c6 und d6-d5-d4 (Bauerngabel) im Zentrum vorgehen. Spätestens ab Zug 16 stand Paula klar auf Gewinn. Die Gegnerin stellte noch ein paar Drohungen gegen den schwarzen König auf und tatsächlich übersah Paula 22.Dxg6, aber dies war nicht so schlimm, denn alle anderen Drohungen wehrte Paula sicher ab. Dennoch ein erster Fingerzeig auf Paulas relative Schwäche im Erkennen taktischer Schläge – aber die erste Doppelrunde erfolgreich überstanden.

Zur ersten Partie der zweiten Doppelrunde ging es mit Weiß gegen Anna Heidtkamp aus Nordrhein-Westfalen. Nach nur 25 Zügen hatte Paula matt gesetzt. Wieder gab es keinen wesentlichen Wackler, da Paula direkt aus ihrer schottischen Eröffnung in ein klar besseres Endspiel einlenken konnte, in welchem sie schnell schwarze Bauern einsammelte.

In Runde 4 wartete mit Cosima Wagner aus Bayern die spätere Zweitplatzierte. Paula spielte mit Schwarz gegen Italienisch das Scheinopfer 4…Sxe4, woraufhin Weiß überraschend rochierte. Der kritischen Zug 6…f6, der die weiße Vorbereitung objektiv in Frage stellt, wurde zwar im Training einmal erläutert, aber Paula entschied sich für die sichere Fortsetzung 6…Le7 und gab den Bauern zurück. Doch dann unterliefen ihr Ungenauigkeiten, die Tempi kosteten und mit dem Vormarsch des f-Bauern kreierte Weiß erstaunlich schnell ein Mattnetz um den schwarzen König. Als Paula sich halbwegs konsolidiert wähnte, folgten ein starkes Qualitätsopfer und der Vormarsch des weißen Bauern nach f7. Diesem Druck hielt Paula nicht mehr stand. Sie übersah einen taktischen Schlag und verlor. Eine sehr überzeugende Vorstellung der Gegnerin und Paulas einzige Niederlage im Turnier.

Am nächsten Tag hatte Paula die Niederlage gut verdaut und trat motiviert mit Schwarz gegen Isabella Bakó aus Württemberg an. Es kam Spanisch. Paula entschied sich nach einigem Nachdenken im 5. Zug für den geschlossenen Spanier. Sicher eine gute Wahl, denn der offene Spanier dürfte Vorbereitungsschwerpunkt der Gegnerin gewesen sein. Von Zug 9 bis 14 tappten beide Spielerinnen etwas im Dunkeln. Doch dann gewann Paula einen Bauern und schaltete in den Engine-Modus. Immer schneller wuchs ihr Vorteil an, bis sie den vollen Punkt sicher eingefahren hatte.

Runde 6 gegen Stefanie Hefele aus Bayern war wieder die erste Partie einer Doppelrunde. Aber Paula konnte Kraft sparen, als die Gegnerin sich in einer vorbereiteten scharfen Italienisch-Variante nicht zurechtfand und im 24. Zug matt gesetzt wurde. Allerdings war 15.e6 von Paula sehr ungenau. Doch die Gegnerin ging an ihrer Chance dem Ausgleich wieder nahe zu kommen vorbei.

Zur 7. Runde – der zweiten des Tages – hatte sich Paula wieder an Brett 1 vorgekämpft. Sie durfte nochmal die weißen Steine führen. Ihre Gegnerin, Viktoria Meier aus Baden, notierte bei herausragenden 5½ aus 6 Punkten. Die Partie war also durchaus schon etwas turnierentscheidend. Und es wurde eine wahnsinnig aufregende Partie mit hollywoodreifer Spannungskurve. Gegen die Philidor-Verteidigung kam Paula gut aus der Eröffnung, verpasste dann 12./13.Dc4 mit Angriff gegen f7 und andere gute Möglichkeiten, kam aber mit 19.Sb5 entscheidend in Vorteil. Nur, man muss dann auch mal auf’s Tor schießen, z.B. mit 20.Sbxd6. Paula hielt dennoch deutlichen Vorteil fest. Der schwarze König begann zum Damenflügel zu wandern und es zeichnete sich ab, dass alle damenlosen Endspiele besser für Schwarz sein würden. Paula entglitt die Partie und nachdem sie 38.Db5! nicht gefunden hatte war die Stellung völlig gekippt. Jetzt war es mehrfach an der Gegnerin auf’s Tor zu schießen, nachdem Paula (Engine-)Verteidigungszüge nicht gefunden hatte. Doch es entstand ein Damenendspiel mit Mehrbauern für die Gegnerin, die zu schnell spielend einfach Damentausch anbot. Denn das Bauernendspiel wäre ja gewonnen – aber für Paula! Doch wie laufen Bauernendspiele bei Kindern? Naja, nicht wie im Dworetzki. Paula patzte (einfach 51.cxb4 gewinnt), aber die Gegnerin patzte zuletzt (57…Kd3 und remis). Was für eine Partie und ein wichtiger Sieg für Paula, die sich ihr Glück aber auch verdient hatte.

In Runde 8 gegen Yiyi Xiao aus Berlin hatte die Gegnerin das Glück auf ihrer Seite. Paula spielte mit Schwarz im Zweispringerspiel im Nachzug bis zum 15. Zug brillant (ihre Theoriekenntnisse endeten mit Zug 9), gewann dann zwei Bauern und hatte in der Folge etliche schöne taktische Möglichkeiten, z.B. 31…Te2 (oder früher) und am klarsten 32…Tf8. Sie erspähte eine andere Variante, musste aber schließlich feststellen, dass nach 34.Dxc6 ihr Te8 mit Schach hängt. Doch Paula reagierte gut und kam nie in Nachteil. Nachdem sie statt 37…Lg1+ (oder 37…Ld4/Dg6/Te3) ihre Dame nach c1 zog, konnte sich die Gegnerin aber ins Dauerschach retten. Am vorletzten Tag stand nochmal eine Doppelrunde an. Paula spielte am Vormittag mit Weißgegen Clara Mehner von der USG Chemnitz, die gegen Paulas Schottisch die Steinitz-Variante 4…Dh4 aufs Brett brachte. M. E. sollte man so eine (fast nur) Trickvariante Kindern nicht empfehlen, auch nicht als Giftpfeil für nur eine Partie. Zumal klar gewesen sein dürfte, dass Paula hier nicht völlig unwissend sein kann. Jedenfalls musste Schwarz für den gewonnenen Bauern e4 seinen König nach d8 stellen und viermal mit seiner Dame ziehen. Paula spielte sehr energisch mit 13.g4! und gewann überzeugend.

Am Nachmittag in Runde 10 ging es mit Schwarz gegen Alicia Kovalskyy aus Nordrhein-Westfalen. Paula führte die Tabelle mit 7½ Punkten und einem halben Punkt Vorsprung an. Im Zweispringerspiel im Nachzug spielte die Gegnerin eine wenig empfehlenswerte Variante und Paula stand nach 12 Zügen auf Gewinn. Aber sie verpasste 15. und 17…e3 und die weiße Stellung wurde zäh (wenngleich die Engine immer noch -5 schreit). Dann gab Paula ihre Dame für zwei Türme, übersah die einfache Möglichkeit 37…Td5 mit Springergewinn und plötzlich hatte Weiß viele Schachgebote. Remis? Nein! Paula opferte einen Bauern um weiterkämpfen zu können, was sehr stark war. Die Gegnerin tauschte die Dame gegen die beiden Türme zurück und im entstehenden Bauernendspiel hatte Paula einen entfernten Freibauern. Solche Endspieltypen sind vielleicht zu 80% gewonnen und sonst remis. Hier war es gewonnen – aber ziemlich schwierig. Paula, die knapp an Zeit war, fand den schwierigen Gewinnweg nicht und die Gegnerin nicht den Remisweg. Nun war es einfach gewonnen (78…b5!) und wieder griff Paula fehl. Und wieder nutzte auch die Gegnerin ihre Chance nicht (79.c4 =). Und dann hatte Paula die letzte Doppelrunde schadlos überstanden. Ein herausragender Kampf!

In die Schlussrunde ging Paula mit einem halben Punkt Vorsprung. Sie bekam wieder Schwarz, diesmal gegen Elina Will aus Hessen. Diese kredenzte das Schottische Vierspringerspiel, was Schwarz vor keine großen Herausforderungen stellt. Manche Eröffnungswahl war schon erstaunlich. Kaum war die Gegnerin aus dem Buch, erreichte Paula mit stellungstypischen Zügen Vorteil, gewann dann einen Bauern und stand riesig. Endlich erspähte sie einen taktischen Schlag (26…Lxb3), aber dieser war wenig effektiv. Einfach 26…Le6 wäre viel besser gewesen. Material tauschte sich und es entstand ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern und Mehrbauer für Paula. Und Paula bekam mit, dass ihre Verfolgerin an Brett 2 nur remis gespielt hatte. Paula tauschte daraufhin die Türme und wusste, dass sie durch ist – ging kurz in den Frischluftbereich und freute sich. Aber dann war da noch ein Endspiel zu gewinnen, was Paula nach zwei planlosen Königszügen der Gegnerin auch überzeugend gelang. Alles in allem sehr abgeklärt agiert. Übrigens, auch wenn die Gegnerin statt 53.Kb1? das viel bessere 53.Lc4 oder Le4 spielt, ist die schwarze Stellung gewonnen: Bauer a4 nach a3, Königswanderung nach g3, Zugzwang und dann d4-d3 Ablenkungsopfer gefolgt von Kxf3 mit einfacher Gewinnstellung. Das wäre Paula sogar zuzutrauen gewesen!

Ein ganz tolles Turnier von Paula bei der sie in verschiedenen Bereichen sehr beeindrucken konnte: Motivation und Siegeswille, Energie, Schachverständnis, mentale Stärke, Konzentration und schachliches Denken. Und ihre Freude am Schach selbst. Denn wäre es nach Paula gegangene, hätte das Turnier ruhig noch länger dauern können. Titel hin oder her, am schönsten fand Paula das Schachspielen selbst.

 
So sehen Sieger aus: