Weltmeisterschaft – und Aufbau mittendrin

von Norman

Es ist ein Traum. Ein Mal ein Turnier mitspielen, dessen bloße Erwähnung zukünftige Ahnen ehrfürchtig innehalten lässt. Mein Traum ging 1994 in Erfüllung, als ich es zu einer Deutschen Einzelmeisterschaft geschafft habe. Bad Bevensen, Altersklasse u17, Platz 14 von 28. Am gleichen Ort wurde nur noch die u15 ausgetragen. Sieger in der u15: ein gewisser Jan Gustafsson.

Nun ist das inzwischen so lange her, dass selbst die Archive der DSJ dorthin nicht zurückreichen. Eigentlich Zeit, das mit der Erwähnung mal zu testen. Ein kurzes Staunen zu genießen. Und sich wohlig im Stolz vergangener Zeiten zu sonnen. Keine Chance! Zwei Level zu niedrig. Zumindest wenn der Rest der Familie von WM-Teilnahmen zu berichten weiß.

Anne, Laura und Paula haben meine DEM-Bundesländerkarte mal sowas von in den Schatten gestellt.

Paula sicherte sich mit Sri Lanka, Indien, Litauen, Ungarn, Russland, Costa Rica, Mexico, Polen, China, USA und Kanada den Sieg beim Spiel Risiko. Oder mit der Mercator-Verzerrung optisch die halbe Welt.

Laura kann mit Georgien, Schweiz, Serbien, Israel, Libanon, Australien, Slowenien, Türkei, Polen, Montenegro und Ägypten ebenfalls elf verschiedene Länder aufzählen. Und damit einen Kontinent mehr befarbtupfen als die jüngere Schwester.

Anne kam damals nicht auf elf verschiedene Nationen, komplettiert mit Südamerika aber die Familienpräsenz auf den bewohnten Kontinenten: Kolumbien, Russland (Runden 2 und 10), England, Ukraine, Kanada, Griechenland, Belgien, Polen, Spanien, Belarus.

Auffällig die gemeinsame Schnittmenge: Polen.

Ergebnisse und Partien

Ergebnisse Laura: https://s3.chess-results.com/tnr1438698.aspx?lan=0&art=9&fed=GER&flag=30&snr=58&SNode=S0

 

Ergebnisse Paula: https://s2.chess-results.com/tnr1438697.aspx?lan=0&art=9&fed=GER&flag=30&snr=31&SNode=S0

 

Ergebnisse Anne: https://s3.chess-results.com/tnr1380.aspx?lan=0&art=9&fed=GER&turdet=YES&snr=25&SNode=S0

 

Partien Laura: https://lichess.org/broadcast/fide-world-youth-chess-championships-2026-g18/round-1/eExV2NLH/tgVT8I43

Partien Paula: https://lichess.org/broadcast/fide-world-youth-chess-championships-2026-g16/round-1/pX35fdLQ/ZzgVyps3

Die Partien der anderen Runden lassen sich ganz gut öffnen, wenn man mit der Maus über den Namen fährt und in dem aufploppenden Fenster die Kreise ganz links anklickt, ggf. nach vorangehendem scrollen. Ist auch eine gute Übung zum Vermeiden von Mouse-Slips.

WM-Vergleich

Es ist durchaus interessant die beiden WMs u18 w der Jahre 2003 und 2026 miteinander zu vergleichen. Die Austragungsländer Griechenland und Italien sind global gesehen ja quasi ortsgleich.

Im Jahr 2003 nahmen 62 Spielerinnen aus 49 Verbänden teil. 23 Jahre später waren es 104 Spielerinnen aus 60 Verbänden. Wachstum, aber moderat.

Früher hat nur Russland einen größeren Spielerpool entsandt. Im Jahr 2003 traten deutlich über 80% der Verbände mit nur einer Spielerin in dieser Altersklasse an. Russlands Strategie ist bis heute unverändert geblieben. Nur trauen sich inzwischen auch viele andere Verbände, kleine Teams zu entsenden. Im Jahr 2026 waren noch etwas mehr als 60% als Einzelkämpferinnen unterwegs.

Und jetzt wird es spannend. Was sagen die Elo-Zahlen? Vor 23 Jahren hatten 11 Spielerinnen (fast 18%) noch gar keine Elo. Die Zeiten sind natürlich vorbei. Und die Top Ten?
Durchschnitt im Jahr 2003: Elo 2325.
Durchschnitt im Jahr 2026: Elo 2239.
Nanu? Fast 100 Elo-Punkte weniger? Ist die WM schwächer geworden? Nehmen die besten Spielerinnen nicht mehr teil? Smartphone-Ära?

Alles falsch! Das Lösungswort heißt Elo-Deflation. Die Zahlen sinken. Und die Spielstärke steigt. Gut möglich, dass die Top Ten von heute besser Schach spielen. Natürlich nur eine Mutmaßung. Tatsache ist jedoch, dass die Fide inzwischen reagiert hat. Die Elo-Zahlen unter 2000 wurden im März 2024 um bis zu 400 Punkte angehoben. Aber oben angekommen scheint das (noch?) nicht. Wer also früher 2300 geschafft hat, muss sich heute ungefähr mit 2200 abfinden (Grüße an mich selbst).

WM-Ablauf

Wie muss man sich eine Jugendweltmeisterschaft vorstellen?

Zunächst einmal steht die Anreise an. Entfernungsgemäß meistens mit dem Flugzeug. Anne, Laura und Paula nahmen jedoch das E-Auto, was ziemlich gut funktionierte. Die Ladestopps wurden zur Verpflegung genutzt. Auf der Hinreise wurde am Gardasee übernachtet. Die Rückreise wurde an einem Tag absolviert, allerdings von San Marino aus, wo unsere Schachheldinnen noch einen Urlaubstag eingelegt hatten.

San Marino bei Nacht

 

In Montesilvano, dem Spielort, waren den Verbänden im Vorfeld verschiedene Hotels zugewiesen worden. Die meisten davon fußläufig zur großen Spielhalle in einem Kongresszentrum. Die sechs Turniere u14, u16 und u18, jeweils offen und weiblich spielten zusammen. Über 750 Spieler*innen. Das Platzangebot war hervorragend. Einziger Wermutstropfen waren die von der Stadt verordneten Energiesparmaßnahmen (ups…, E-Auto), in Folge derer die Klimaanlage im Kongresszentrum nur vor Rundenbeginn lief und dann ausgeschaltet wurde. Hiervon nichts ahnend stellte vor allem Laura fest, dass es mit fortschreitender Spieldauer wärmer wurde. War Laura heiß gelaufen?

 

Sicherheitsmaßnahmen! In den Spielbereich durfte nur wenig mitgenommen werden. Keine Uhr, kein Stift, keine Begleitung. Eine Trinkflasche war gestattet. Stifte wurden vom Veranstalter gestellt. Leider versagten diese gelegentlich den Dienst. Gern, wenn die Zeit knapp war. Ganzkörperscanner. Wie beim Flughafen. Hat allerdings bei Laura und Paula nie gepiept. Und ging zügig. Außer den Spieler*innen und Offiziellen durften nur die Delegationsleiter in den Spielbereich. Wurde dieser aber einmal verlassen, führte kein Weg zurück.

Es standen 11 Runden an. Die erste Runde am 15. Juni, einem Montag. Mit Rücksicht auf das Anreiseprozedere klug gewählt. Jeden Tag um 15.00 Uhr ging es los. Sonntag ein Ruhetag. Die Schlussrunde am 26.06., Freitag (Abreiseprozedere), startete bereits um 13.30 Uhr. Gespielt wurde mit 90 min zzgl. 30 min ab Zug 40 und den obligatorischen 30 s Inkrement ab Zug eins. Die Partien konnten also bis 20.00 Uhr oder noch etwas länger dauern.

Eine Schwefelquelle mit traumhaft blauem Wasser (die Farbe stimmt so). Zum Glück wird der Geruch auf Fotos nicht verewigt.

 

Ganz früh am Morgen war es angenehm kühl. Also aufstehen um 6.00 Uhr. Raus an die frische Luft. Kleine Ausflüge, Spaziergänge, sogar mal baden im Meer. Zurück im Hotel legten sich Laura und Paula nochmal etwas hin. Kraft tanken. Und dann ging‘s in die Partievorbereitung, 3-4 Stunden Schach intensiv, nur unterbrochen vom Mittagessen. Paula wurde online von Tom George unterstützt. Eröffnungen wählen, verstehen, lernen, wiederholen. Und schon war Rundenbeginn.

die Chalanchi von Atri – spannende Felsformationen

 

Sonnenblumen bei Sonnenaufgang – Uhrzeit ungefähr 5:30 Uhr.

 

Nach den Runden wurde kurz Stockfish befragt. Was war richtig, was falsch. Dann ging es Abendessen. Spaziergang zum Eisladen (das Gelato soll sehr lecker gewesen sein) und am Meer zurück. Und wenig später, husch ins Bett.

Turnierverlauf

Paula begann die WM mit 3 aus 4 sehr gut. So ganz makellos liefen die Partien jedoch nicht. Dazu später mehr.

Laura startete leider gegensätzlich mit 1 aus 4. Gewaltigem Glück in Runde 2 stand ebensolch Unglück in Runde 4 gegenüber.

Was beide einte war, dass gegen die Spielerinnen jenseits 2100 Elo, trotz diverser Möglichkeiten nichts geholt wurde. Und dass das auch so blieb. Die Top Ten der Setzliste, bei Paula die Nr. 4 und 8, bei Laura die Nr. 5 und 7 (mit über 2100 Elo auch die Nr. 15 und 17) waren zu stark.

Ein Blick zurück: Auch Anne verlor damals gegen die Nr. 5, 6 und 8 der Setzliste. Doch gegen die Nr. 10 konnte sie voll punkten.

Der Mittelteil der WM misslang Paula völlig: ½ aus 3 in den Runden 5 bis 7. Dabei kam das Remis in Runde 7 noch recht glücklich zu Stande. Schade, dass aus vielen guten Eröffnungsstellungen nicht mehr herausgeholt wurde.

Und Laura? Die drehte richtig auf. 3 aus 3. Nicht alles war perfekt. Aber insgesamt hinterließen die Partien einen überwiegend geradlinigen Eindruck.

Endphase. Paula fand zurück in die Spur und erzielte erneut 3 aus 4. Die Qualität der Partien blieb jedoch durchwachsen. Dennoch, 6½ aus 11 und Platz 30 bei einer WM. Darauf kann Paula mächtig stolz sein.

Laura bekam in den Runden 8 und 9 gewaltige Brocken. Wie erwähnt, blieb sie erfolglos. Dann folgte eine brillante 10. Runde. Alle Züge, die Laura nach dem Ende der Eröffnungsvorbereitung selbst ausführte (Züge 18 bis 29 => vor den Partien wurde definitiv gearbeitet), waren Engine-Empfehlungen. Dann war bereits Game over. Perfektes Spiel. WM-Level.

Und die Schlussrunde? Laura kämpfte. Wollte gegen eine leicht höher gewertete Gegnerin spielen. Lehnte ein Remisangebot ab. Übersah bei Zug 30 eine kleine Taktik der Gegnerin. Lehnte bei Zug 36 erneut Remis ab. Und stellte stattdessen Material ein. Das war natürlich schade. Und trotzdem: Schach ist nicht dazu da remis zu machen, wenn es spannend wird. Schach ist zum spielen. Ich gratuliere Laura zu ihrer Einstellung, zu 5 Siegen aus 11 Partien und einem sehr ordentlich 62. Platz bei 104 Teilnehmern (Setzlistenplatz 58).

Und wer es bemerkt hat…, ja, Laura und Paula hätten sich bei dieser WM fast perfekt ergänzt. Nur Runde 9 brachte eine auch qualitativ deprimierende Doppelnull.

WM-Schach

Wie üblich erwartet euch jetzt eine kleine Auswahl schachlicher Leckerbissen. Ich werde mich aber quantitativ etwas zurückhalten. Eine WM würde zwar bis zu 100 Diagramme rechtfertigen. Mich quält jedoch die Angst, in meinem Ranking beim ohnehin im zweistelligen Zahlenraum zu verortenden Leserkreis sodann grundreihenmattartig an Boden zu verlieren.

Genug polemisiert. Los geht’s mit Runde 1.

Laura zeigte High-End-Eröffnungsschach. Einschließlich Großmeisterzugwiederholung. Das erste Problem löste sie herausragend: 19…e4! Problem Nr. 2 zeigte sich bereits widerspenstig. Die Topzüge 22…Lg4, 22…d4 und 22…Dd6 sah sich Laura alle an. Spielte dann aber 22…Df6?, wonach es sehr schnell bergab ging. Kein Diagramm. Aber wer sich ernsthaft für gutes Schach interessiert, sollte diese Partie definitiv bis Zug 25 nachspielen.

Paula konnte bei Zug 9 sogar schon auf validen Vorteil verweisen. Traute sich dann aber 10…Sxf2! nicht, weil sie sah, dass nach 11.Kxf2 Lc5+ 12.Kf1 e4 13.De2 0-0 14.Lc4+ Kh8 15.Se5/h2/g1 Weiß mit einer Leichtfigur vorn bleibt. Aus der Ferne raunte es: „Polerio, Greco, Anderssen, Morphy, …“ Allein, es wurde nicht vernommen. Die Partie kippte kurzzeitig, dann die Erlösung.

Mit 17…0-0! übernahm Paula das Zepter. 18.Dxf5 Txf5 19.Te4 Th5!? diesem Druck hielt Weiß nicht mehr stand.

Übrigens, die niedrige Zahl der Gegnerin (Na, für welches Land steht die Flagge?), darf für die heimische Skalierung wahrscheinlich um 100 bis 200 Punkte angehoben werden (WM-Performance war 1776). Kein leichtes Brot, so eine WM.

In Runde 2 bot Laura eine Chaospartie. Seht euch den Bewertungsverlauf an.

Glück und Kampfkraft und am Ende ein erster WM-Sieg.

Paula spielte an Brett 4. Die Eröffnung war keineswegs hochklassig, jedoch konzeptionell interessant. Denn Paula strebte bewusst einen isolierten e-Doppelbauern an. Und bei Zug 14 dann tatsächlich die Chance…

15.Sd5!! wäre es gewesen. Das droht 16.Tfb1 mit Damewegsituation. Und natürlich 16.Sxf6+. 15…Sxd5 16.exd5 Db6 17.d6!? oder sogar schon 17.Txf7!? – es gibt hier viele Züge – dürfte die Remisbreite bereits deutlich überschritten haben. Auch 16…Db5 17.Df5 ist eine schwarze Katastrophe.

Zu schwierig für Paula? Keinesfalls, denn sie hatte diesen Zug schon aus der Ferne gesehen und spielte nun 15.Tab1? Da3 16.Sd5! Das resultierende Endspiel behandelte Paula leider von Grund auf falsch und verlor chancenlos. Tja, erstaunlich oft ist der Gedanke „Zugumstellung?“ eine brillante Ressource.

Paula trauerte der verpassten Chance nicht nach und zeigte sich in Runde 3 gut erholt. In einer taktisch geprägten Partie blieb sie mit Schwarz immer aktiv und gewann letztlich überzeugend. Hübsch anzusehen, wie sich Paulas Le6 beharrlich weigerte, vor dem gegnerischen Bauern auf d5 zu fliehen.

Laura kam erneut gegen eine sehr starke Gegnerin hervorragend aus der Eröffnung, diesmal sogar mit Vorteil. Und erneut zeigte sich, dass drei starke Züge hintereinander leider nicht reichen.

Soweit stark gespielt. Leider entschloss sich Laura jetzt aber zu 13…Lxc3? Nach 14.bxc3 cxb5 15.Db1!? stellte 15…a6? 16.Sxc4 einfach den Mehrbauern ein. Auch ohne den Bauerneinsteller hätte Weiß jedoch genügend Kompensation gehabt.

Viel stärker war es, den Mehrbauern nicht einzustellen, sondern ihn zu opfern. Für Aktivität. 13…cxb5! 14.Sxb5 Se4! Besonders, da der Mehrbauer nach dem erzwungenen 15.Sc3 schnell wieder zurückkommt. Schade.

Soweit verpasste Chancen. Okay. In Runde 4 wartet aber eine Katastrophe. Ich kann mir das Drama nicht nochmal antun.

Arme Laura. Nicht einfach das wegzustecken. Immerhin konnte Runde 2 als Trostpflaster dienen.

Paula blieb von solch Unglück verschont. Baute ihren großen Vorteil immer weiter aus… Bis sie der eigenen Grundreihenschwäche gewahr wurde. Vorteil komplett weg. Aber zum Glück nichts Schlimmeres. Die Gegnerin wollte remis. Wickelte in ein ungleichfarbiges Läuferendspiel mit Minusbauer ab. Das aber, war nicht trivial.

Natürlich fragte Paula hier mit 49.Kd5 an, wohin denn der Ld6 ziehen wolle. Ob sie schon wusste, dass nur eine Richtung remis hält? Schwarz musste unbedingt den b-Bauern gedeckt lassen. Man kann bei ungleichfarbigen Läufern gegen zwei Freibauern remis halten, wenn diese nicht zu weit auseinander stehen. Experten werden wissen, dass ein Abstand von zwei freien Linien regelmäßig noch remis ist.

Schwarz hätte also 49…Le7 oder 49…Lf8 ziehen sollen. Keinesfalls jedoch 49…Lb8? Denn nach 50.Kc5 war es um den b-Bauern geschehen und Paula gewann schnell.

Es folgte der Mittelteil des Turniers. Wie erwähnt hätte Paula auf diesen gern verzichtet. In Runde 5 vertauschte sie zwei Züge ausgangs der Eröffnungsvorbereitung (15…Sb4+?, richtig wäre 15…b5 16.axb5 Sb4+ gewesen) und ließ auch in der Folge vage Chancen verstreichen nochmal in die Partie zu finden.

In Runde 6 stand Paula hervorragend. Dann wurde es taktisch und für die Gegnerin passte alles wunderbar zusammen.

Schließlich ein Remis in Runde 7. Wieder gelang die Eröffnung (leichter Vorteil mit Schwarz). Und wieder ging plötzlich alles schief. Paula wehrte sich taktisch (27…Sxf2!?). Letzter Strohhalm. Der verblüffenderweise hielt. Und gerade als Paula aufatmete – puh, ins Remis gerettet – verpasste sie eine Gewinnchance (30…Txc3! statt 30…bxc3). Im Endspiel wurde noch remis abgelehnt und versucht zu kämpfen. Doch da gab’s nichts mehr.

Dafür blühte Laura auf.

  1. Runde: 26…Lb5! und aus.

 

  1. Runde: 33.Sf5!? 1-0.

 

7. Runde: 26…Ta8!? Und tatsächlich gelang es Laura die Turmroute a8-a6-c6-c4xa4 zu verwirklichen. Nur gut, dass der Gegnerin die Springerroute f1-g3-e2-f4-g6+ verborgen blieb.

Alles in allem waren diese drei Partien auch qualitativ ansehnlich. So ist das eben, wenn die Gegnerinnen etwas schwächer werden. Nur damit war jetzt Schluss.

Runde 8 gegen eine 2100+, Vorteil in der Eröffnung, offener Kampf im Mittelspiel und dann ohne Not zwei schlimme Fehler zu Beginn des Endspiels (36.Ld1? und 37.Dxa4?).

Runde 9 gegen eine 2200+, Dauerdruck und gerade herausgekämpft eine verhängnisvolle Fehleinschätzung (25…Sg5? nebst 26…Lxd4?). Ja, Qualitätsopfer sind legal. Besonders wenn dabei gar nichts geopfert wird.

Ist halt schwierig, wenn die Gegnerinnen Fehler weitgehend vermeiden, eigene Fehler sofort ausnutzen und mit dieser Spielweise einfach nicht aufhören.

Zurück zu Paula. In Runde 8 gab es endlich wieder ein Erfolgserlebnis. Eigentlich hätte es Einbahnstraßenschach werden sollen. Wurde es aber nicht.

Zwei Mehrbauern. Aber soeben hatte sich der weiße Springer vom Sonnenfeld d6 völlig unnötig in den Schatten nach g5 begeben. Und schon täuscht Schwarz zum ersten Mal in dieser Partie Aktivität an. Die Zeit ist knapp. Zug 40 bitte. Und schon kam 40.Te3? Schwarz ließ die Zeit bis auf 4 s runterlaufen und… 40…Td1! Mist. Plötzlich stand Paula mit dem Rücken zur Wand.

Es folgte 41.Te2 Kb5! Noch mehr Wand. Paula tauchte ab. Fast 17 Minuten lang. Und spielte dann 42.Kc2!! Trotz des Gabelfeldes auf d4. Der einzige Verteidigungszug! Und nach 42…Tf1? (42…T1d5!=) 43.Te1! Tf2+ 44.Kc1!! konnte sie doch noch gewinnen.

Man beachte die Einkerbung bei Zug 40.

Runde 9 ließ mich verzweifeln. Dass Laura gegen die Nr. 5 der Setzliste verlor, okay. Nur was machte Paula??

Schwarz steht auf Gewinn. Nach dem trivial logischen 16…Tae8 (offene Linie und so) wird der schwarze Angriff übermächtig. Stattdessen kam nach über 10-minütigem Nachdenken 16…Tad8?? Paula deckt lieber den Bauern auf d5. Aber um den geht es doch überhaupt nicht. Man hätte sogar nach 16…Lg4?! 17.Dxd5+ Kh8 noch ordentlichen Vorteil gehabt. Aber nicht mit diesem Nullzug.

Denn jetzt zeigte die Gegnerin, warum sie bei einer Weltmeisterschaft antritt: 17.Kg3!! Überraschung! Paula überlegte gut eine viertel Stunde und… 17…Sc4?? Das war’s. Natürlich ist 17…Sxf3 auch nicht ideal, hätte aber wenigstens noch Schummelchancen gebracht.

Doch es gab eine Lösung. Welche Züge guckt man sich zuerst an? Richtig, die Krawallzüge. Wird jedes zweite Training gebetsmühlenartig wiederholt. Macht trotzdem niemand. Interessiert einfach nicht, was der Trainer sagt.

17…Dxf3+!! Das ist gar nicht mal so schwer zu berechnen. Am Ende kämpft Schwarz mit zwei Bauern gegen eine Figur (oder Weiß lässt sich matt setzen), bei dauerhafter Initiative. Die Chancen wären annähernd gleich.

Runde 10. Endspurt. Und unsere beiden Heldinnen sind gewillt Boden gut zu machen. Bei Paula misslingt das Mittelspiel etwas. Dafür gewinnt sie ganz solide das Turmendspiel (kleiner Übertragungsfehler bei Lichess, Zug 25-28, was die Partie um einen Zug verlängerte). Hmm, Turmendspiele hatten wir gerade erst im Training…

Und Laura? Glänzt!

Eine Steigerung zur vorletzten Runde bei der DEM. Wer hätte das gedacht. Und dann sind die 99% auch noch der Vorbereitung geschuldet. Denn als Laura (endlich) eigene Züge ausführen durfte, waren das ausschließlich Top-Engine-Vorschläge (Züge 18 bis 29)! Wenn die Vorbereitung zur Last wird… Und epische 100% Accuracy verhindert. 🙂

Sehr sehenswerte Partie! Laura die Drachentöterin.

Schlussrunde.

Bei Paula klappte die Eröffnungsvorbereitung. „Einfach“ 14…Lg7 nebst 15…Dd6 und großer Vorteil. Leider kopierte Paula aber lieber Runde 9. Das war’s… Nicht! Totgesagte leben länger. Und dann schon wieder ein Turmendspiel. Sehr lange in der Remisschwebe. Zwei verpasste Chancen. Aber dann nicht mehr.

67…b2 und durch. Bei dieser Konstellation sind die Freibauern unaufhaltsam. Das Muster lautet: b-Bauer eins vor, a-Bauer eins vor, Turm eins vor und dann wieder b-Bauer…

Laura verlor wie bereits (sehr viel weiter) oben erwähnt.

Sehr aufmerksame Konsumenten dieser Seite werden sich vielleicht noch an das zweite Diagramm zu Lauras 1. Runde bei der DEM erinnern. Laura leider nicht mehr.

Es folgte 30…Ta2? 31.Txc4!, wodurch sich der Bauer c4 gegen den auf e2 tauschte. Nicht im schwarzen Sinne.

Remis? Laura lehnte ab. Wollte spielen. Noch etwas WM genießen. Aber nicht mit 36…f4?? Ein Blackout. Nach 37.gxf4 war nämlich 37…Kf5 geplant. Was für ein Schreck als Laura plötzlich bemerkte, dass dann ja f4xe5 geht. Und dass der Te5 überhaupt kein Feld hat. Aus.

Schluss

Eine WM. Ein Traum. Jetzt müssen Laura und Paula nur noch auf die Ahnen warten.

Brillante Züge und Partien gab es genauso wie ganz sicher vermeidbare Fehler. Die Punktausbeute kann sich bei beiden sehen lassen. Und remis? Ist nicht für Kämpfer. Lieber Abenteuer, lieber Emotionen, lieber Anekdoten… selber schreiben.

Und natürlich Fotos machen – hier noch eine kleine Auswahl:

Turmfalke auf Augenhöhe – Klippen machen`s möglich.

 

Traumhafte Täler und Schluchten – angenehm kühle Temperaturen inbegriffen.

 

Zwei Wiedehopfe bei der Futtersuche.

 

Schleichwerbung für Störche.