von Norman
Sie spüren es mit allen Sinnen
Was jetzt zählt, ist zu gewinnen
Denn schon Platz zwei
Heißt aus, vorbei
Für die Kandidatinnen
Nun gut, „aus, vorbei“ mit über 1.000 EUR Preisgeld in der Tasche zählt vielleicht auch ein bisschen. Der DSB hatte in Dresden richtig was auf die Beine gestellt. Und das nicht zum ersten Mal. Fraueneuropameisterschaft 2004, Schacholympiade 2008 und jetzt eben der Schachgipfel.
2004 war Anne dabei (https://s1.chess-results.com/tnr1651.aspx?lan=0&art=9&snr=74) und erfüllte sich einen Traum: WIM-Titel. 2008 hätte Anne mitspielen können, entschied sich aber gut zwei Monate nach der Geburt einer gewissen Laura dagegen. Und jetzt also Familie Czäczine, den Berichtdichter ausgenommen.
Während Anne in der A-Gruppe des DSAM-Finales drei, vorsichtig formuliert schmeichelhafte Remispartien mit zwei Niederlagen einrahmte, waren Laura und Paula im Kandidatinnenturnier dabei. Und zwar richtig.
Kandidatinnenturnier
Wie das einleitende Gedicht bereits andeutet, dreht sich dieser Bericht fast ausschließlich um das Kandidatinnenturnier. Ein Turnier, das mit 7.000 EUR Preisfonds ausgestattet war. Bei dem das Erreichen des ersten Platzes zur Teilnehme an der Deutschen Fraueneinzelmeisterschaft 2027 berechtigt, inmitten der Nationalmannschaft. Und das Paula mit 7 aus 9 gewann.
Ergebnisse: https://s2.chess-results.com/tnr1373533.aspx?lan=0&art=1&SNode=S0
Turnierverlauf Paula: https://s1.chess-results.com/tnr1373533.aspx?lan=0&art=9&fed=GER&snr=4&SNode=S0
Turnierverlauf Laura: https://s2.chess-results.com/tnr1373533.aspx?lan=0&art=9&fed=GER&snr=10&SNode=S0
Partien auf Lichess: https://lichess.org/broadcast/german-chess-championship-2026-candidates-women/round-1/uMvpRnPE
Turnierverlauf
Laura und Paula starteten jeweils mit 4 aus 5 sehr gut in das Turnier. In schwesterlicher Geschlossenheit hatten beide relativ glatt gegen Triona Eberle (FC St. Pauli, Turnierführung mit 4½ aus 5) verloren. Und auch schon gegen starke Gegnerinnen gewonnen: Anastasia Voigt (Laura), Helena Neumann (Paula) und Lilian Schirmbeck (beide).
Paula hatte ein paar bange Momente zu überstehen, besonders gegen Lilian Schirmbeck. Aber alles noch im Rahmen. Die Runden 2 bis 4 wurden im Endspiel entschieden. Ein Fingerzeig auf den weiteren Turnierverlauf!?
Lauras Partien hatten in den Runden 4 und 5 teils dramatische Zuspitzungen erfahren. Dass sie diese Partien beide gewinnen konnte, grenzt an ein Wunder, besonders gegen Lilian Schirmbeck.
Laura wusste, dass 43…Tge2 jetzt kurzzügig matt setzt. Allerdings ist das auch der einzige schwarze Gewinnzug. Dennoch, eigentlich kein Problem, zumal die 30 Minuten Zeitgutschrift nach Zug 40 noch nicht auf der Uhr angezeigt wurden.
Weniger als 20 Sekunden, dann ergriff die Gegnerin den Tg2, führte ihn Richtung e2 – das war’s… – und vergas plötzlich anzuhalten. Verdutzte Gedanken. 43…Tgc2??
Laura hatte im Vorfeld (mit dem schwarzen Turm auf g2) auf ihre Remis-Schummelchance gehofft und antwortete zügig erleichtert 44.Tg8+! Dauerschach! So oder so oder…
44…Kh6 – sofort, exakt 1 Sekunde. Kurzes Innehalten, nochmal gucken… Nein, Laura hatte sich nicht geirrt. Also flott 45.Th8+ gezogen und tatsächlich blieb die Gegnerin nun im Speedmodus und antwortete nach 4 Sekunden 45…Kg5??
Laura wusste was zu tun war.
Lösung: => 46.Th5+!! und matt in 2. <= [wird durch Markierung mit der Maus sichtbar]
Schwarz gab auf. Was für ein Drama. So einen Schock wünscht man wirklich niemandem.
Glück gehabt? Absolut! Ungerecht? Nicht ganz. Denn es gab eine Vorgeschichte.
Laura hatte bisher hervorragend gespielt. Nach dem offensichtlichen 32.Tg8 ist die schwarze Stellung aufgabereif. Das hatte Laura auch gesehen. Und dann noch etwas Besseres. Nämlich 32.T1b7+??
Hä? Nun, wer kann es erraten? Richtig, Restabbild. Wenn der Tb8 auf b7 wiederschlägt, kontrolliert er nicht mehr die Grundreihe. Schwarz muss mit dem König gar nicht nach d6. Ups.
Eigentlich ist die Stellung selbst nach diesem Einsteller noch sicher remis. Aber es galt einen Schock zu verdauen, was sich bekanntlich mit dem Umschalten auf seriöse Verteidigung nicht gut verträgt.
Zurück zum Turnierverlauf
Leider trennten sich ab Runde 6 die schwesterlichen Wege. Während Laura eine stark herausgespielte Gewinnstellung noch verlor, gelang Paula eine als Partie des Tages ausgezeichnete (50 EUR) Leistung gegen die Nr. 1 der Setzliste.
Mit 15.f5!? leitete Paula ein Qualitätsopfer ein, obwohl sie dessen Folgen nicht berechnen konnte. Mut! Zumal 15…e5 auch spannend gewesen wäre. Wenn man sich entscheiden kann, zwischen einer sicheren Fortsetzung (15.a3) und einer riskant abenteuerlichen, ist in den allermeisten Fällen die zweite Möglichkeit besser. Menschlich gesehen, oft auch objektiv und auf jeden Fall, wenn man sich im Schach verbessern möchte.
Es folgte 15…b4 16.Sa4 Sxe4 17.Txe4!! Lxe4 18.fxe6. Paulas Mut wurde belohnt. Stockfish bewertet anerkennend mit +3. Und Paula brachte die Partie mit 97% Genauigkeit zu Ende.
In Runde 7 folgte das Unvermeidliche. Laura musste gegen Paula ran. Obwohl Paula einen vollen Punkt mehr auf dem Konto hatte. Es half nichts.
Beide einigten sich im Vorfeld, die Partie ordentlich auszuspielen. Schieben war gestern. Das Fair Play ist auf diese Thematik bezogen überhaupt nicht mehr mit der Vergangenheit zu vergleichen.
Paula setzte mit 9…f5!? den ersten Akzent. Laura verpasste die Chance in Zug 11 mit großem Vorteil den Bauern b2 zu opfern. Stattdessen zerbröselte ihre Rochadestellung. Gewinnstellung für Paula. Bis diese ihre Initiative gegen zwei Bauern eintauschte und plötzlich selbst aufpassen musste. Mit 37.Sg5! hätte nun Laura noch Druck aufbauen können. Aber erleichtert, Paulas dunkler Macht (gemeint sind natürlich die schwarzen Figuren) entkommen zu sein, nahm sie das Remis durch Stellungswiederholung.
Die Runden 8 und 9 brachten Laura kein Glück mehr.
Gegen WIM Evelyn Wagenschütz verpasste Laura 14…d5! mit schönem Vorteil und geriet in zugespitzter Stellung durch das gegnerisch genau berechnete 22.Sxh6+! Kh7 23.e5! auf die Verliererstraße.
In der Schlussrunde ging’s gegen die Nr. 2 der Setzliste. Laura erkämpfte sich großen Vorteil, blies zum direkten Königsangriff und übersah einen sehr fiesen, absolut einzigen Verteidigungszug, wonach nichts mehr zusammenlief.
Natürlich sind ½ aus 4 kein toller Turnierabschluss. „Nur“ 50%. Kein Preisgeld. Zwei Elo-Pünktchen eingebüßt. Andererseits spielte Laura über weite Strecken richtiges Schach. Energisch, mutig und… korrekt. Das Glas mag gerade halb leer sein. Aber es ist dabei sich zu füllen. Und das durchaus qualitativ ansprechend.
Paula
Runde 8 verlief gegen eine talentierte Nachwuchsspielerin ziemlich einseitig. Schade, dass Paula nichts anderes fand, als mit 27.Lxc5?! das bessere Endspiel zu nehmen. Dieses allerdings geriet zu einer Demonstration.
Soeben hatte Paula auf c5 geschlagen und 28.c4 folgen lassen. Das sieht trotz des weißen Mehrbauern doch ziemlich remislich aus. Abgesehen davon, dass die Läufer ungleichfarbig sind, steht der weiße auf a2 auch recht merkwürdig. Doch etwas später…
Wie ist der La2 nach d5 gekommen? Und was waren die letzten 13 (!) schwarzen Züge? Jedenfalls schade, dass Schwarz den Kampf um das Feld e4 verloren und auch keinen Weg gefunden hat, den Tc5 zu aktivieren. Nun zerstört der Zugzwang alle Festungshoffnungen. Es folgte 41…Le7.
Bestimmt werdet ihr erkennen, dass Weiß jetzt mit 42.Ta6+ den Bauern e5 einstreichen kann. Und alle, die den Namen Schereschewski schon einmal gehört haben (für alle anderen: https://leipziger-antiquariat.de/details/23635), werden hoffentlich an den Grundsatz „Nichts überstürzen!“ denken. Warum sollte Weiß nicht erst noch seine Stellung verbessern, bevor er Material gewinnt und Schwarz dadurch vielleicht Gegenspiel bekommt?
Und so zog Paula 42.f3! Und meinte ob meines überschwänglichen Lobes: „Ach so, den Bauerngewinn hab ich gar nicht gesehen.“ Hmm… Entsprechend wurde auch auf 43.g3 und 44.h4 verzichtet. Dafür aber ein anderer schöner Gewinnplan kredenzt: 42…Lf6 43.Kg6!? Ein sehr ästhetischer Zugzwang. Und ja, die Stellung ist gut genug. Auf das Verbessern konnte verzichtet werden.
Plötzlich fand sich Paula mit 6½ Punkten auf Platz 1 wieder. Denn Triona Eberle hatte ihre zweite Partie in Folge verloren und dadurch (bei besserer Zweitwertung) einen ganzen Punkt Rückstand. Nur die stark aufspielende Lilian Schirmbeck (ebenfalls mit besserer Zweitwertung) hatte 6 Punkte gesammelt.
Letzte Runde
Platz 3 hatte Paula bereits sicher. Ein Remis würde mindestens Platz 2 bedeuten, deutlich wahrscheinlicher aber den Turniersieg. Es sei denn, Lilian Schirmbeck gewänne ihre vierte Partie in Folge, mit Schwarz gegen Helena Neumann. Durchaus denkbar. Was also tun?
Die Antwort ist so simpel wie logisch: Schach spielen.
Lauras Gegnerin aus der achten Runde hat weniger als nichts aus der Eröffnung und dem hastig weggetauschten Mittelspiel herausgeholt. Junge Spieler besiegt man im Endspiel!?
Logisch wäre jetzt 17…Tf5!? gewesen. Wenn alle Türme auf dem Brett bleiben, könnte es dem Kg1 nochmal ungemütlich werden. Andererseits sah Paula darin ein gewisses Risiko. Und fand nach 15 Minuten einen Weg, praktisch gefahrlos weiterzuspielen. 17…Txd3 18.cxd3 Td8 19.d4 Sa4! Wow! Das ist in dieser Stellung tatsächlich das absolut beste Springerfeld. Es folgte plangemäß 20.Ld2 c5! und jetzt nicht das erwartete 21.Tc1!? sondern schwächer 21.Le3, wonach 21…Sxc3 22.dxc5 c6! die erträumte Stellung brachte. Und was war auf 21.Tc1!? geplant? Paula wusste es noch nicht, tendierte am ehesten aber dazu mit 21…cxd4 22.cxd4 Txd4 23.Le3 Tg4+ 24.Kf1 c5 25.Lxc5 Sxc5 26.Txc5 Ta4 remis zu machen. Interessanter scheint 21…c4!? nebst Sa4-b6.
Sie hätte also wohl doch gekniffen. Kein Kampf um jeden Preis. Nicht der ganz große Mut oder die Einstellung, dass das Wesen des Schachs nicht im Partie-/Turnierergebnis zu finden ist, sondern auf dem Brett, beim Spielen. Dafür aber eine beachtliche Variantenberechnung und ordentliches Endspielverständnis. Und eine ausgewogenere Betrachtungsweise als die väterliche.
Jedenfalls baute Paula ihren Endspielvorteil Stück für Stück aus. Nicht alles war toll, aber die Richtung stimmte: 23…Kf7!, 25…Td3!, 30…g6! (von der Zugwiederholung abgewichen), 33…h5! und schließlich wurden beide weißen Damenflügelbauern gewonnen. Das sollte es doch gewesen sein. Pustekuchen!
Inzwischen waren alle relevanten Partien beendet. Lilian Schirmbeck hatte unglücklich verloren. Triona Eberle aber gewonnen. Remis bedeutete alleiniger Turniersieg. Niederlage aber nur Platz 2. Das wusste Paula auch. Aber trotzdem wollte sie diese Stellung gewinnen. Hatte sie die Remisangebote der Gegnerin natürlich abgelehnt. Und spielte zügig 71…a1=D? Das ist im Gewinnsinne ganz schlecht. Aber beseitigt nach 72.Lxa1 Txa1 – die Bedenkzeit im Blick – praktisch auch alle Verlustoptionen.
Wer möchte, kann das entstehende Endspiel T+S+B gg. T+B bei aktivem weißen König (Partie ab Zug 75) ja mal versuchen zu gewinnen. Mir ist das gegen Stockfish nicht gelungen. Stockfish allerdings gewinnt das easy.
Jedenfalls war der Bauerneinsteller 76…Td4? natürlich „ungünstig“, aber auch keine Katastrophe. Denn wie gesagt, das mit der knappen Zeit zu gewinnen… So ging es ins theoretische Endspiel T+S gg. T über, welches theoriegerecht remis endete. 99 Züge, letzte Partie aller Langzeitturniere, Turniersieg.
Und was wäre im 71. Zug nun richtig gewesen? Am schnellsten gewann 71…Sd2! Turm hängt, Gabel droht. Es bleibt nichts anderes als 72.Lxa5 a1=D 73.Lxd2 wonach Schwarz z.B. mit 73…Df6+ zügig Material einsammelt.
Alternativ hätte aber auch 71…Ke6!? gewonnen. Grundsatz: Nichts überstürzen! Lieber vier Punkte im Plus als drei.
Blitz
Bevor es nochmal qualitativ ansprechend schachlich wird, sei das sonntägliche Blitzturnier erwähnt. Anne, Laura und Paula spielten bei der Deutschen Meisterschaft der Frauen im Blitzschach mit.
Tabelle und Ergebnisse: https://s2.chess-results.com/tnr1373580.aspx?lan=0&art=4&fed=GER&SNode=S0
Partien: https://lichess.org/broadcast/german-blitz-chess-championship-2026-women/round-1/b6UsEpAy (Warnung: Es handelt sich nur teilweise um Schach.)
Die schachliche Qualität tendierte bedenkzeitkonform Richtung 95% würfeln. Aber es hat definitiv Spaß gemacht. Und es gab coole Erfolge.
So konnte Laura gegen die Nationalspielerin und neue Deutsche Einzelmeisterin im Blitzschach WGM Josefine Safarli gewinnen.
Gegen die Nationalspielerin FM Lara Schulze holten 3x Czäczine 2½ Punkte. Nur Anne drückte sich mit einer Zugwiederholung vor dem Weiterspielen einer besseren Stellung. Tzzz…
Zudem schafften Anne und Paula 50%, mit der besseren B-Note für Paula. Anne zeigte eine hübsche Taktik gegen Lilian Schirmbeck, Paula gewann gegen WGM Judith Fuchs und Laura spielte remis gegen WGM Olga Babiy, deren Zeit von Laura unbemerkt eigentlich bereits abgelaufen war.
Es gab viele spannende Stellungen, unzählige kleine Taktikaufgaben – mehrheitlich ungelöst –, viel zu entdecken. Aber bekanntlich analysiert man ja keine Blitzpartien und deshalb: Deckel drauf.
Stärken und Schwächen
Turniere sind oft eine Möglichkeit, Anregungen für die kommenden Trainings zu sammeln. Besonders, wenn es um etwas geht. Wo wirkt das Spiel schon wie richtiges Schach? Was hat nicht so gut funktioniert?
Natürlich besteht überall Verbesserungsbedarf. Bezogen auf das aktuelle Spielniveau ergibt sich aber meist eine Zick-Zack-Linie und das Ziel, die unteren Zacken etwas zu kürzen.
Eröffnung
Los geht jede Partie bekanntlich mit der Eröffnung. Nicht mein Lieblingsthema. Umso schöner war zu sehen, dass es dort oft richtig gut lief. An dieser Stelle einen riesigen Dank an Tom, dessen Training Paula in der Eröffnung viel Sicherheit und jede Menge schöne Stellungen beschert hat. Und natürlich an Karsten für die Unterstützung im Hintergrund.
Okay, Sizilianisch bleibt ein heißes Pflaster, besonders Najdorf. Muss ja auch noch was zum Verbessern geben. Ach so, und dann gab es da noch zwei…, sagen wir individuelle Spielweisen.
Eine Theoriestellung des Zweispringerspiels im Nachzug. Die hatten wir zwei Mal im Training behandelt. Und Laura hatte das in ihr Repertoire eingegeben. Und jetzt keine Ahnung mehr. Irgendwas war hier mit dem Punkt f2… Das Nachdenken brachte auch keine Erleuchtung. Und dann entkorkte Laura 11…Dd4?
Richtig wäre 11…fxe4 12.hxg4 Lc5 gewesen, wonach die Varianten noch fröhlich weitergehen.
Es reicht eben nicht, beim Training anwesend zu sein. Auch das Bedienen der Leertaste verleiht nicht die Spielstärke von Stockfish. Schön wäre ernsthaftes Interesse, vielleicht sogar Begeisterung. Züge hinterfragen, versuchen zu widerlegen, einfach mit dem Kopf dabei sein. Was man sich dann alles merken würde. Und ja, genau das ist auch Aufgabe des Trainers.
Paula fiel etwas anderes auf die Füße.
Diese Stellung stand in der Partievorbereitung auf dem Brett. „Das ist zu weit. Kommt sowieso anders.“ Oder eben auch nicht. 15…Sa5 wurde gezeigt, interessierte aber nicht mehr.
Jetzt galt es also Schach zu spielen. 15…Se7 wäre logisch und zumindest spielbar. Nicht aber 15…Td8? Und das, obwohl Paula dabei an ihren Katastrophenzug 16…Tad8?? (9. Runde der Jugend-WM von vor knapp einem Monat) dachte. Ja, die Situation ist hier anders. Aber auch hier steht der Td8 nicht wirklich toll. Und der Sc6 erst recht nicht.
Übrigens war die Gegnerin (vor 15…Td8?) noch im Buch. Und ich tippe mal, auch noch nicht auf der letzten Seite.
Ernsthaftigkeit und sich Mühe geben, dürften der Partievorbereitung nur ganz selten schaden. Und aus Fehlern zu lernen könnte auch helfen.
Aktivität
Genau so habe ich mir das früher immer vorgestellt. Laura und Paula wollen spielen, Probleme stellen, angreifen, sind bereit, sich zweischneidigen Komplikationen zu stellen. Remis wird abgelehnt. Die Partien werden ausgekämpft.
Mir ist eine Partie zweier anderer Spielerinnen aus Runde 6 aufgefallen:
Beeindruckend! 41 Züge tadellos perfektes Schach. Alles…, nur nicht zweischneidig.
Es gibt in der Remisbreite grundsätzlich zwei Möglichkeiten:
– zu versuchen, eigene Probleme zu vermeiden oder
– zu versuchen, dem Gegner Probleme zu stellen.
Beides dürfte ähnlich erfolgreich sein. Und ziemlich gegensätzlich in Bezug auf Abenteuer und Lerneffekte.
Hier entschied sich Laura für 11.b4!? – gedacht als Bauernopfer. Denn 11…Lxb4 12.Sxd4?! Sde5 ist nicht attraktiv und 12.Tb1 Lc5 13.Txb7?! Lb6 wahrscheinlich auch nicht.
Geplant war 11…Lxb4 12.Tb1 (Turmstellung verbessern) Lc5 13.Lb2! mit ordentlich Druck.
Dass Schwarz sich für 11…Lb6?! entschied (Sicherheit statt Abenteuer) half die nächsten 20 Züge allerdings auch nur Laura.
In dieser Stellung ist 10.Te1 korrekt. Aber Paula wollte Action und spielte 10.f4!? Stirnrunzeln bei Stockfish, dem das geplante Bauernopfer 10…b4 11.Sa4 Lxe4 12.Te1 gar nicht gefällt.
Statt 10…b4, wird stoisch 10…Le7!? empfohlen, statt 11.Sa4 das beeindruckende 11.Sd5!! und 12.Te1 hätte durch 12.c3! ersetzt werden sollen. Viel zu lernen. Auch im weiteren Partieverlauf.
Natürlich blies Laura hier zur Attacke: 19…g5! 20.Sxe5 g4 21.Sxf7 Sxf7 22.Kg1 und jetzt sehr direkt 22…f3. Riskant, schwierig, ehrgeizig. Für die schlaueren Fortsetzungen 22…Tg8! und 22…Sg5!? muss Laura noch ein Gefühl entwickeln. Diese Partie könnte dabei helfen.
Auch im Duell untereinander gab es viel zu lernen.
Wie hättet ihr mit Schwarz jetzt gespielt? Sehr stark ist…
Lösung: => 26…Dd7! nebst 27…Dh3! <=
Paula entschied sich für => 26…Dg6+ 27.Kh1 Dxc2 28.Tg1 Tg6 29.Txg6 hxg6 30.Kg2 <=
Plötzlich war die Sache schwierig geworden und nur 30…b6! hätte Vorteil gewahrt.
Manchmal gestaltet es sich im Nachhinein einfacher, wenn man sich der Herausforderung sofort stellt und energisch weiterspielt.
Aktivität ist natürlich auch ein Thema im Endspiel.
Mit 36…e4!? wählte Paula den aggressivsten Zug. Noch ist alles in der Remisbreite. Doch Weiß muss Probleme lösen.
Fehlende Genauigkeit bei Laura
Laura spielt viel und gerne auf Königsangriff. Das erfordert dann allerdings „hinten raus“ regelmäßig Präzision und genaue Variantenberechnung. Daran mangelt es aktuell noch. Dass sie sich in ihren Partien trotzdem immer wieder solchen Situation stellt, dürfte helfen besser zu werden.
Dass Laura ordentlich Varianten berechnet und dann auch den Mut hat, der Berechnung zu vertrauen, zeigt dieses Partiebeispiel. Darf Weiß auf f6 schlagen?
Ja, und zwar mit dem Turm. Denn nach 22.Txf6! Tc1+ 23.Kd2 Dc5 folgt => 24.Lb5+! <=
Auch hier fand Laura die Gewinnfortsetzung: 25…Tg5! 26.Df2 Dh7! 27.Dxa7+ Sb7 28.Kf2 und jetzt => 28…Txg2+! <=
Dann aber fehlte die Genauigkeit.
Laura erspähte 29…Dh4+ 30.Tf2 Tg1+ 31.Sf1 Txf1+! 32.Kxf1 Dh1+ 33.Ke2 Dxa1 mit Gewinn. Nur könnte Weiß nach 30.Kd1 Df4 ja einfach den Sd2 wegziehen, z.B. 31.Se4.
Einfach nochmal gucken. Sicherstellen, dass es zum Schluss wirklich keine Ressource mehr gibt. Das wäre es gewesen. Wer genau guckt, findet nämlich 31… => Dxf3+!! und Treppenmatt. <=
Sehr schade.
Die Partie kippte zugunsten der Weißspielerin und am Ende gewann Laura doch noch sehenswert.
Soeben hatte Laura auf g3 geopfert. Sie konnte diese Stellung in der Vorausberechnung nicht lösen, dachte aber: „Wenn ich das nicht mache, warum spiele ich dann Schach?“ Gefällt mir.
Bevor ihr weiterlest: Wer findet den einzigen schwarzen Gewinnzug?
Zur Stellung: 31…Tf8 wäre wünschenswert. Leider setzt sich Weiß dann aber mit 32.Df3 (einziger Zug) zur Wehr. Laura erkannte nicht, dass nun Damentausch und Sf7-g5 die Figur zurück gewinnt (das Endspiel wäre trotzdem besser für Weiß). Darum geht es hier aber auch gar nicht.
Ach, wenn doch einfach der Sf7 weg wäre…, dann würde 31…Tf8+ matt setzen. Laura sah sich 31…Sg5 an und fand 32.Ke2! Tf8 33.Dg1! Das ist es also auch nicht.
Schließlich endschied sie sich nach nur 2½ Minuten für 31…Dh3+? 32.Ke2 Tg8. Prinzip Hoffnung: Hoffentlich gibt’s keine Verteidigung mehr für Weiß. Leider doch. 33.Df1! war zwingend und die Widerlegung. Verluststellung. Präzises Rechnen geht anders.
Und die Lösung des Stellungsproblems? 31…Se5!! Der Springer ist wegen Ta8-f8+ bekanntlich tabu und nach 32.Ke2 geht z.B. 32…Dd3+ 33.Ke1 Tg8. Schließlich entscheidet auf 32.De1 die natürliche Fortsetzung 32…Tf8+ 33.Ke2 Dd3+ 34.Kd1 Sc4, was unter anderem Tf8-f1 ins Spiel bringt.
Aber der Schönheitspreis für diese Runde ging wie bereits erwähnt an Paula.
Weiß steht klar besser. Ein guter, natürlicher Zug wäre hier 25.Te1!? Aber Laura drückte auf die Tube: 25.g4!? Direktes Spiel! Es folgte 25…hxg4 und nun, ohne nochmal zu prüfen 26.h4? Eine tolle Idee. Man sollte sich vorher nur genau ansehen, ob Schwarz noch irgendeine Verteidigung zur Verfügung steht. Ihr ahnt es. Natürlich ja, nämlich => 26…Da6!! <=
26.h3! wäre noch großer Vorteil für Laura gewesen. Aber so ist das eben: Wenn man nicht genau rechnet, entscheidet das Stellungsglück bzw. -pech.
Fehlender taktischer Blick bei Paula
Es gibt beim Schach nicht selten kleine Taktiken. Züge, die man nicht herausfinden muss, sondern die man einfach sieht. Dieses taktische Sehen ist eine Schwäche Paulas.
Drei Beispiele, nur aus der letzten Partie, auch zum Mitgucken.
Paula zog logisch 26…Ke6?! Und übersah dabei eine kleine gegnerische Taktik, nämlich => 27.Ld4!? <=
Das hätte hier natürlich auch nur zum Remis geführt, kam auch nicht. Aber so was kann schon mal schief gehen.
Welche kleine Taktik stand Paula statt 46…Tb5?! Zur Verfügung? Richtig, => 46…Kc5!, wonach sich 47.Lxa5 wegen 47…Kb5 verbietet <= hätte die Gewinnführung deutlich vereinfacht.
Im Vorfeld wollte Paula für eine Millisekunde schon Ta8-h8 ziehen. Das ist aber kein Grund, jetzt 67…Ta5?! zu spielen. Ich tippe mal => 67…Sd4 68.Txc5 Th8+ 69.Kg5 Se6/f3# werden die meisten gesehen haben. 68.Kh7 Sb3 bzw. 68.f5 Sxf5+ 69.Kg5 Ta5 ist auch nicht schwer. <=
Hier ist die Lage schwieriger. Paula fand 25.Dg6+ Kf8 26.Sg5 Sf6 27.Se6+ Kg8 28.Sxd8. Doch trotz des Mehrspringers sieht das ziemlich unklar aus: h-Linie, zwei ungedeckte Randspringer, eingeklemmte Dame…
Jetzt wäre der Moment nochmal zurück zu gehen und nach einer klareren Lösung Ausschau zu halten. Und dann sollte man es eigentlich sehen: => 25.De6+ Kf8 26.Sh4! Das ist es eigentlich schon. Der Rest wäre einfache Variantenberechnung. Da ist Paula nicht schlecht. 26…Th6 27.Sg6+ Txg6 28.fxg6 Sf6 29.Tf1 sieht sehr gewonnen aus. <=
Probleme in der Verteidigung
Natürlich, wenn junge, dynamische Spieler in die Defensive geraten, geht es oft schnell zu Ende. Vor dem Erlernen der Verteidigung hat Caissa das Erlernen des Angreifens und das Spielen mit Initiative gesetzt. Sich gegen Unbekanntes zu wehren, verspricht selten Erfolg.
Nun sind Laura und Paula gerade intensiv mit Phase 1 beschäftigt. Klar. Aber etwas mehr Widerstand wäre auch jetzt schon wünschenswert.
Eine sehr unangenehme Stellung. Züge wie Td1-d7 und Lc2-e4 sehen bedrohlich aus. Allerdings lässt sich erkennen, dass 26.Td7 mit 26…Sc5 beantwortet werden kann. Gleiches gilt für 26.Le4.
Die wahre Drohung ist 26.a3 La5 27.b4 Lb6 und jetzt z.B. 28.Td7 nebst völliger Einschnürung.
Die Gefahr, welche von 26.a3 ausgeht, hatte Laura noch erkannt. Nur ihre Reaktion war völlig falsch: 25…La5? Das schenkt Weiß die Option Lg5-e7 mit Blick nach c5, was Laura sogleich zu einem Qualitätseinsteller nutzte.
Richtig wäre das nicht so fern liegende 25…Te8 gewesen. Das ermöglicht, den Lb4 nach e7 oder f8 zu ziehen und kostet Weiß mit dem Angriff auf e5 etwas Zeit. Nach z.B. 26.f4 Le7! 27.Lxe7 Txe7 hätte sich Laura noch lange weiter verteidigen dürfen. Aber durchaus mit Erfolgschancen.
Keine Minute, dann zog Paula 54…Ld7? Hatte Weiß nicht eben g4-g5 angezeigt? Wieso das nicht wenigstens mal ansehen?
Nach 55.g5! hxg5 56.hxg5 fxg5 57.f6 war es zu spät. Der Bauer c6 fiel und mit ihm die Partie.
Hätte Paula die gegnerischen Möglichkeiten ernst genommen, hätte sie der Not gehorchend vielleicht noch 54…d4!! gefunden. Das ist der einzige Zug, der nicht offensichtlich verliert (Ausschlussverfahren). Und der hält sogar remis. Entweder beschäftigt der Bauer den weißen Läufer oder der schwarze König kommt nach d6. Beides hält einen eventuellen weißen Königsflügelfreibauern im Zaum.
Uff. Es wird immer unangenehmer. Den Sf5 zu schlagen sieht chancenlos aus. Also die Dame ziehen. Nach f6 oder e5? Laura entschied sich für 26…De5? Um dem Damentausch auszuweichen. Sehr irrational. Nach 27.Dh4+ Kg8 28.Sh6+ Kg7 29.Sg4 gab es nichts mehr zu holen.
Hingegen hätte 26…Df6 27.Dh4+ Dxh4 28.Sxh4 Td7! durchaus noch Chancen gehabt. Klar, Weiß bleibt taktisch im Besitz eines Mehrbauern. Doch das heißt nicht, dass die Stellung verloren ist. Ist ja nur ein Bauer.
Der Mehrbauer ist hier auf Paulas Seite. Nur, toll ist die Stellung trotzdem nicht. Die Aktivität der schwarzen Figuren drängt Paula in die Verteidigung. Gut wäre jetzt 36.Kf3! Tc2 37.Sd3!? Tc3 (oder 37…Kf6? 38.Tc1!) 38.Td1! und Weiß könnte darüber nachdenken, Schwarz Probleme zu stellen.
Kritisch ist jedoch die leichtfüßige Partiefortsetzung 36.Tf2?! Tc3! 37.Sd1?! Tc1! 38.Sb2. Wenn Schwarz jetzt nicht mit 38…Sf4+ den unwichtigen Bauern h3 eingesackt, sondern 38…e4! gespielt hätte… Paula sah diesen Zug und wähnte sich zu Recht nahe der Niederlage.
Nach der Partiefortsetzung hingegen atmete Paula auf, lehnte remis ab, nutze den deplatzierten schwarzen Springer um in Vorteil zu kommen und konnte schließlich sogar noch gewinnen. In diese Richtung umzuschalten, klappt ziemlich gut.
Zwei kleine Aufgaben
Paulas Künste im positionellen Endspiel waren bereits bei der Beschreibung des Turnierverlaufs zu bewundern. Deshalb sollen zwei kleine Taktikaufgaben den schachlichen Teil beschließen. Lauras Spezialität.
Standard. Sowas sieht Laura meist schon aus weiter Ferne. Ist ja auch nicht schwer, oder?
Lösung: => Natürlich 33.Sxf6+! <=
Bitte einmal gewinnen, aber mit Stil.
Lösung: => Die Stellung ist nebenlösig. Laura entschied sich für 27.Txf7! Txf7 28.Tc8+ Kg7 29.Dg3+ wonach Schwarz wegen Dg3-g5# aufgab. Wer 27.Dg3+ Kh8 28.Txf7 Tg8 29.Tg7! gefunden hat (29…Tf8 30.Tb7! Tg8 31.Dxg8+!) darf sich natürlich auch anerkennend auf die Schulter klopfen. <=
Letzte Gedanken
Nun hat sich also auch Paula einen Traum erfüllt. Dass das nächstes Jahr in Stuttgart nicht einfach wird, ist klar. Informativ sind die Punktausbeuten von Charis Peglau und Lisa Sickmann beim diesjährigen Masters (beide 1½ aus 9). Und beide sind wohl aktuell spielstärker als Paula.
Aber wer weiß. Ein Jahr ist viel Zeit, die aktuelle Motivation zu nutzen. Und bekanntlich wächst man ja mit seinen Aufgaben. Paula, du wächst doch noch, oder?
Übrigens erinnere auch mich gern an Dresden zurück. Beim ZMD-Open 2002 konnte ich nicht nur gegen GM Gyula Sax und GM Iván Faragó remis spielen, sondern sah zum ersten Mal auch eine gewisse Anne C. Die Stadt hat eben für Schachspieler viel Gutes zu bieten.

































